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Wieso Teilen glücklich macht

 

Es ist ein weitverbreiteter Irrtum zu glauben, dass wir ärmer werden, wenn wir geben. Genau das Gegenteil ist der Fall: Großzügigkeit macht unser Leben reicher. Nicht nur die Religionen lehren dies seit alters her, auch neue wissenschaftliche Untersuchungen bestätigen, dass Geld uns dann am glücklichsten macht, wenn wir anderen Menschen damit eine Freude bereiten, unseren Mitmenschen in Not helfen und der Welt etwas Gutes tun. Es kommt offenbar weniger darauf an, wie viel Geld man hat, sondern was man mit diesem Geld macht. Geld auf dem Sparkonto anzuhäufen, macht erwiesenermaßen nicht glücklicher. Erst wenn wir es teilen, so die Hirnforschung, schüttet unser Gehirn die Glücksboten Opioide und Oxytocin aus, die wie ein natürliches Rauschmittel wirken. Wir machen durch Großzügigkeit also nicht nur andere, sondern auch uns selbst eine Freude. Freigiebige Menschen sind daher weitaus zufriedener als ihre knickerigen Zeitgenossen.

 


„Nur der ist froh, der geben mag“. (Johann Wolfgang von Goethe)


 

Da neben dem Altruismus aber auch der Eigennutz Bestandteil unseres genetischen Programms ist, empfahl bereits Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik, sich bewusst in der Tugend der Freigiebigkeit zu üben. Denn wir sind in unserem Alltag immer vor die Entscheidung gestellt, ob wir unser Leben auf das Haben oder das Sein ausrichten wollen. Wollen wir Besitzen, Anhäufen, Festhalten? Geld und Güter horten und sie gegen andere verteidigen? Oder wollen wir ein Leben in Verbundenheit mit anderen Menschen führen, das zugleich die Gerechtigkeit in der Welt fördert?

 

Klar ist: Habgier schürt eine feindselige Haltung untereinander. Kunden werden betrogen, Konkurrenten ruiniert, Arbeiter ausgebeutet, Freunde ausgenutzt. In der Existenzweise des Habens ist die Beziehung zur Welt die des Besitzergreifens und des Wegnehmens. Ihr liegt eine nagende Unzufriedenheit zugrunde, ein schmerzhafter Mangel, der auch durch die Anhäufung von immer mehr Dingen nicht gestillt werden kann.

 

Der Soziologe Erich Fromm schrieb in seinem Weltbestseller Haben oder Sein: „Nicht der ist reich, der viel hat, sondern der, welcher viel gibt. Der Hortende, der ständig Angst hat, etwas zu verlieren, ist psychologisch gesehen ein armer Habenichts, ganz gleich, wie viel er besitzt. Wer dagegen die Fähigkeit hat, anderen etwas von sich zu geben, ist reich.“

 

Die Haltung des Seins hingegen ist von Offenheit, Großzügigkeit und Zufriedenheit geprägt. Ihr liegt es fern, sich hinter dem eigenen Besitz zu verbarrikadieren. Je weniger wir der Gier des Haben-Wollens zum Opfer fallen, je weniger wir vom Drang nach Besitz bestimmt werden, desto leichter fällt es uns, das zu wertschätzen, was wir haben und desto selbstverständlicher ist es auch, es mit anderen zu teilen.

 


„Nicht der ist reich, der viel hat, sondern der, welcher viel gibt.“ (Erich Fromm)


 

Es ist für uns Kinder der Wohlstandsgesellschaft ja gar nicht so einfach, den Wert der Dinge zu erkennen. Wir neigen dazu, unsere Teilhabe an den Gütern dieser Welt als selbstverständlich zu erachten, da wir sie noch nie entbehren mussten. Wir glauben, dass wir selbst auf die wichtigsten Ressourcen des Lebens ein Anrecht hätten: auf sauberes Trinkwasser, sobald wir den Wasserhahn aufdrehen; auf gefüllte Regale, wenn wir einen Supermarkt betreten; auf eine warme Wohnung, wenn wir die Heizung andrehen. Wir vergessen, wie privilegiert wir sind und dass zahllose Menschen weltweit keinen Zugriff auf diese Güter haben und dass selbst in Deutschland Menschen bei klirrender Kälte auf der Straße leben müssen.

 

Wie aber können wir das neu wertschätzen, was uns so selbstverständlich geworden ist? Und wie können wir das Teilen dieser Güter lernen? Hierfür bediente sich der von mir hochgeschätzte Zen-Meister Bernard Glassman ungewöhnlicher, doch sehr wirksamer Methoden. Gemeinsam mit seinen Zen-Schülern ging er jedes Jahr für eine Woche auf die winterlichen Straßen New Yorks, um dort ohne Geld, ohne Kreditkarte und einzig mit dem bekleidet, was sie am Körper trugen, das Leben von Obdachlosen zu teilen. Für ihn stand fest, dass Mitgefühl weit weniger in der Abgeschiedenheit des Meditationszentrums als vielmehr in der direkten Erfahrung des Leids anderer Menschen zu erlangen ist. Für alle, die an solch einem Retreat teilnahmen, war es eine eindrückliche Lektion. Nie mehr, so berichteten die Teilnehmer danach, gingen sie seitdem gedankenlos an einem obdachlosen Menschen vorbei. Gewachsen sei damit auch das Gefühl von Verantwortung für ihre Mitmenschen in Not, und die Bereitschaft, sich für eine gerechte Verteilung materieller Güter einzusetzen.

 




"Es gibt nichts Gutes, außer man tut es." (Erich Kästner)


 

Nichts trägt mehr zu unserer Lebenszufriedenheit bei als geglückte Beziehungen, gute Freundschaften und harmonische Familienbande. Bestätigt wurde dies von Glücksforschern aus 50 Ländern im World Book of Happiness. Gute zwischenmenschliche Beziehungen gelten weltweit als der Garant für ein zufriedenes Leben. Und keine andere Handlung trägt mehr zur Steigerung des Wohlbefindens bei als Freundlichkeit untereinander und Fürsorge füreinander. „Unsere Mitmenschen sind das beste Gegenmittel gegen die Betrübnisse des Lebens und sie sind die verlässlichste aller Aufmunterungen“, bestätigt Martin Seligman, der Gründervater der Positiven Psychologie. Weshalb das so ist? Wir erhalten Kraft, wenn wir anderen Kraft geben. Und es macht uns glücklich, wenn wir das Glück anderer Menschen fördern. Martin Seligman rät daher: „Geh raus und tu was Gutes. Gerade dann, wenn es dir selbst nicht so gut geht. Denn du wirst feststellen, dass es nicht nur dem anderen, sondern auch dir selbst gleich besser geht.“

 

Sind wir vielleicht sogar bessere Menschen, wenn wir glücklich sind? Die eigenen Erfahrungen legen dies nahe: Denn wenn es uns gut geht, begegnen wir anderen Menschen weitaus freundlicher, großzügiger und aufgeschlossener als an den Tagen, an denen unser Stimmungsbarometer im Keller ist. Wir sind auch eher bereit, Fremden unsere Hilfe anzubieten, denen wir an schlechten Tagen eher misstrauisch gegenüberstehen. Eine positive Lebenseinstellung, so bestätigen die Forschungen der amerikanischen Psychologin Alice Isen, trägt somit entscheidend zum Gemeinwohl bei. Familie, Freunde, Bekannte und das ganze Umfeld profitieren davon. Und da das Glück ausstrahlt und sich überträgt und vermehrt, je mehr wir es teilen, kann es ganze Gemeinschaften und damit auch die Gesellschaft verändern. Was die Welt also heute dringender denn je braucht, sind freigiebige und großherzige Menschen. 

 


„Das Glück ist das einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt.“ (Albert Schweitzer)


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Kommentare: 2
  • #1

    Maria Mann (Dienstag, 01 Dezember 2020 14:01)

    "Die LIEBE allein versteht das Geheimnis,
    andere zu beschenken und dabei selbst reich zu werden."
    Zitat Clemens von Brentano
    und (etwas holpriger ausgedrückt in Bezug auf die HALTUNG)
    von Pierre Corneille
    " Die Art des Gebens ist wichtiger,
    als die Gabe selbst."

  • #2

    Christa Spannbauer (Mittwoch, 02 Dezember 2020 11:25)

    Danke, liebe Maria, für die beiden so passenden Zitate! Hab eine gute Vorweihnachtszeit!