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So weit die Füße tragen

Gestern, bei meiner zweiten Bergtour, gingen meine megabequemen Wanderschuhe aus dem Leim. Sie waren wohl zu lange ungenutzt im Schrank gelegen. Und ließen in der frischen Bergluft erschrocken die Sohle fallen. Nachmittags machte ich mich auf den Weg in das nächste Dorf, um mir neue Wanderschuhe zu kaufen. Fesch sahen sie aus, weit fescher als die alten Stiefel. Doch als ich heute damit losstürmen wollte, wurde schon bald jeder Schritt zur Qual. Wäre ich noch katholisch, hätte ich diese beschwerliche Bergbesteigung als Gelegenheit zu einem Bußgang für meine Sünden genutzt.... 

 

Heutige Erkenntnis: Zur Gipfelstürmerin werde ich es wohl nicht mehr bringen

Nicht nur das mangelhafte Schuhwerk, auch meine Kondition wiesen mich in ihre Grenzen. Doch die Bergwelt ist auch im Zwischenland – den saftigen Bergwiesen zwischen Tal und Gipfel – ehrfurchtgebietend schön. Und so machte ich es mir mit meiner Hündin Cora auf dem einladenden Grün gemütlich. Die Glocken der Kühe läuteten in der Ferne, ab und wann ertönte der schrille Alarmpfiff eines Murmeltiers, ich sah Ziegen an mir vorbeiziehen und blickte den Krähen nach, die mühelos dem Gipfel entgegenflogen. Wie es wohl wäre, einfach die Flügel auszubreiten und über das Tal zu fliegen?  

Seine Majestät, der Berg

Jeder Berg, der unerschütterlich vor mir aufragt, lehrt mich etwas mehr an Ehrfurcht und Demut. Die heutige Bergwanderung bot mir zudem eine ausgezeichnete Gelegenheit zur Selbsterkenntnis. Wie weit bin ich bereit, über meine Komfortzone zu gehen? Wann gebe ich klein bei und drehe um? Ist es mir wichtig, das gesteckte Ziel zu erreichen oder kann ich mich auch mit weniger zufrieden geben? Mit meiner in die Jahre gekommenen Hündin an der Seite habe ich natürlich immer eine gute Ausrede parat, um einen Schongang einzulegen. Geflissentlich übersah ich dabei, dass sie forsch voranlief, während ich es war, die hinter ihr her hechelte.....


Die Kunst der Selbstliebe von Christa Spannbauer

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