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Besonnenheit in Zeiten der Angst

Angst ist derzeit zum Grundgefühl vieler Menschen geworden, zu einer zentralen gesellschaftlichen Kraft, die uns wie ein beständiges Rauschen im Hintergrund begleitet. Wie aber können wir mit diesem Gefühl so umgehen, dass es uns nicht überwältigt oder lähmt? Und gibt es vielleicht sogar etwas, das die Angst uns lehren kann?

 

In dieser Zeit, in der uns beunruhigende Nachrichten aus der Nachbarschaft und der ganzen Welt ereilen, sobald wir nur das Telefon beantworten oder die Zeitung aufschlagen, ist es nicht verwunderlich, dass unser Angstpegel ansteigt. Ja, wir haben derzeit berechtigte Gründe, uns zu sorgen. Es liegt nun aber auch an uns, nicht in Panik und Hysterie zu verfallen. Denn was wir an diesen Tagen mehr denn je brauchen, sind besonnene Menschen.

 

Um mit der Angst besonnen umgehen zu können, ist es zunächst einmal hilfreich, sich ihre Ursache und Wirkung genauer anzusehen. Die Angst gehört zur emotionalen Grundausstattung des Menschen. Sie ist nicht nur ein natürliches, sondern auch ein lebenswichtiges Gefühl. Denn sie hält uns davon ab, uns in Situationen zu begeben, die gefährlich sind und die wir vielleicht nicht bewältigen könnten. Zudem versorgt sie uns, wenn wir bedroht werden, mit der notwendigen Energie, um diese Situation zu bewältigen. Hierfür stellt die Evolution drei Reaktionen zur Verfügung, die wir in der Tierwelt bestens beobachten können: Angriff, Flucht oder Erstarrung.

 

Mit dem Corona-Virus sehen wir uns mit einer neuen Gefahr konfrontiert, die wir so noch nicht erlebt haben. Wen oder was sollen wir angreifen? Wohin sollen wir flüchten? Erstarrung und so tun, als wären wir nicht da, trickst diesen Virus auch nicht aus. Wir können weder kämpfen noch fliehen und schlägt das evolutionäre Alarmsystem an: unser Körper schüttet die Stresshormone Adrenalin und Kortisol aus, der Herzschlag beschleunigt sich, der Blutdruck steigt. All das löst Angst, im schlimmsten Falle Panik aus.    

 

Neuere Forschungen belegen jedoch auch, dass die Evolution neben der bekannten „Fight and Flight“-Reaktion noch eine weitere Handlungsoption auf Bedrohungen zur Verfügung stellt: die „Tend and befriend-Reaktion“. Diese aktiviert das Fürsorgesystem zum Schutz von Nachkommen und schwächeren Artgenossen (tend= sich kümmern). Eine Haltung, die auf Verbundenheit setzt und den Zusammenhalt und die Solidarität in Bedrohungssituationen stärkt.


Wir brauchen ein neues Weltbild der Verbundenheit


Dieser Virus fordert genau das ein, was uns Menschen so schwerfällt: Die existenzielle Unsicherheit des Lebens zu akzeptieren und anzuerkennen, dass das Schicksal nicht in unserer eigenen Hand liegt. Und er fordert uns dazu heraus, das Beste aus der momentanen Misere zu machen. Das beinhaltet, zu einem verantwortlichen Umgang mit der Angst zu finden und sich von ihr nicht lähmen und einschüchtern zu lassen.

 

„Den Reifegrad einer Gesellschaft kann man daran messen, wie vernünftig sie mit Angst umgehen kann. Das ist der Kern von Zivilisation“, erklärte der Zukunftsforscher Matthias Horx . Um zu einem vernünftigen Umgang mit der Angst zu finden ist es für den Psychologen Gert Gigerenzer vom Max-Planck-Institut unabdingbar, das 1 x 1 der Skepsis zu erlernen. Sich nicht durch die neuesten Schlagzeilen ständig in Alarmmodus und Panik versetzen lassen. Sich vielmehr die Zeit nehmen und sich umfassend informieren. Ein reifer Umgang mit der Angst besteht darin, abzuwägen und anschließend zu tun, was wir tun können. Sich selbst zu schützen und unseren Mitmenschen beizustehen. Sich zu vernetzen und dabei gegenseitig Mut zu machen.

 

In dieser Welt, in der alles mit allem verbunden ist, hat die besonnene Haltung des Einzelnen Auswirkungen auf das Ganze. Je mehr Menschen mit ihrer Angst verantwortlich umgehen, desto weniger vermag blinde Panik von der Welt Besitz ergreifen. Es liegt also tatsächlich an jedem Einzelnen von uns, die Angst zu bändigen und das Vertrauen zu stärken. Worum es letztlich geht, hat uns der Philosoph Ernst Bloch in dunklen Zeiten in das Stammbuch der Menschheit geschrieben: "Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen." 

 

Das Buch von Christa Spannbauer und Gerald Hüther
Verbundenheit. Warum wir ein neues Weltbild brauchen

Warum wir ein neues Weltbild der Verbundenheit brauchen. Ein Vortrag von Gerald Hüther und Christa Spannbauer


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