Vergebung befreit. Zum Tod der Auschwitz-Überlebenden Eva Mozes Kor

Die Geste sorgte weltweit für Aufsehen: Die Auschwitz-Überlebende Eva Mozes Kor trat im Gerichtssaal auf den ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning zu und reichte ihm die Hand. Der 93-Jährige, angeklagt der dreihunderttausendfachen Beihilfe zum Mord, hatte vor Gericht seine moralische Mitschuld eingestanden und gesagt: "Ich bitte um Vergebung. Über die Frage der strafrechtlichen Schuld müssen Sie entscheiden." Doch kann ein solch ungeheuerliches Verbrechen überhaupt vergeben werden?

 

Eva Mozes Kor hat es getan. Sie hat vergeben. Und das nicht nur dem zur Reue bereiten Oskar Gröning. Bereits vor 20 Jahren vergab sie in einer öffentlichen Erklärung dem untergetauchten und weltweit gesuchten Lagerarzt Josef Mengele, der sie und ihre Zwillingsschwester als Kinder für grausame Menschenexperimente missbraucht hatte. Wie ist dies möglich, nach all dem, was ihr angetan wurde, fragen sich seither viele Menschen, die einen mit Bewunderung, die anderen mit Unverständnis. „Bevor ich vergeben konnte, war ich ein wütender und unglücklicher Mensch“, sagt Eva Mozes Kor rückblickend über sich selbst. Wut und Verbitterung fesselten sie nicht nur an die Täter, die ihr Leid zugefügt hatten, sondern banden sie auch an die Vergangenheit und überschatteten ihre Gegenwart. Eines Tages jedoch erkannte sie: „Ich konnte nicht ändern, was geschehen war, aber ich konnte ändern, was ich darüber fühlte. Und dieser Gedanke, dass ich die Macht über das hatte, was mir in der Vergangenheit zugestoßen war, war für mich das Wichtigste und ist es noch. Wenn Leute sagen: Mengele und die Nazis verdienen keine Vergebung, sage ich: Das mag ja alles richtig sein, aber ich verdiene es.“

 

 

Mit ihrer bedingungslosen Vergebung löste die Shoah-Überlebende die Verstrickungen und negativen Bindungen mit den Tätern und erlangte die Deutungshoheit über ihr eigenes Leben zurück. Dies habe, so erklärt sie, ihrem Herzen Frieden gebracht: „Das Vergeben gibt einem Kraft, es heilt einen, befreit einen, und ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass es das gebrochene Leben wieder zu einem Ganzen zusammenzusetzen hilft.“

Der Text entstammt meinem Buch Vergebung befreit. Loslassen und inneren Frieden finden. 

 

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