Alles ist wie mit einem heiligen Band miteinander verflochten

Verbundenheit ist für mich nichts Abstraktes, sondern eine ganz konkrete menschliche Erfahrung, die uns für Mitgefühl, Empathie und Mitmenschlichkeit öffnet und die Solidarität miteinander fördert.

Schon Platon, der Begründer der westlichen Philosophie, sprach von der Weltseele und dem göttlichen Logos, der allen Menschen innewohnt und alle Menschen miteinander verbindet. Der Philosoph der Stoa Marc Aurel brachte diese Verbundenheit auf die Kurzformel: „Alles ist wie mit einem heiligen Band miteinander verflochten“.

 

Ebenso vereint auch die monotheistischen Religionen, das Christentum, Judentum und den Islam der Glaube, dass jeder Mensch einen göttlichen Funken in sich trägt, der ihn mit allen anderen Menschen verbindet.

Im Buddhismus und Hinduismus gibt es hierfür die Metapher von „Indras Netz“, einem universellen Lebensnetz, in dem jeder Mensch und jedes Wesen ein Knotenpunkt ist und daher mit allem verbunden ist. Ganz egal, wo man an diesem Netz zieht, hat es Auswirkungen auf das Ganze.

 

Interessanterweise werden diese Erkenntnisse aus der antiken Philosophie und den spirituellen Traditionen heute von aktuellen Wissenschaftserkenntnissen bestätigt. Die Welt zeigt sich aus Sicht der neuen Naturwissenschaften und der Life Sciences als ein lebendiges Netz, in dem alles miteinander in Beziehung steht und wechselseitig voneinander abhängig ist.

 

Wieso aber dringt dieses Wissen so wenig in unser Alltagsbewusstsein vor? Weshalb fühlen wir Menschen uns oft so getrennt voneinander?

Mit diesen Fragen im Gepäck machten Gerald Hüther und ich uns an das Buch der Verbundenheit, in dem wir mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus verschiedenen Disziplinen, aus Physik, Philosophie, Theologie, Biologie, Wirtschaft und Soziologie, diesen Fragen nachgingen.

 

Für mich war es ein Satz des Quantenphysikers Hans-Peter Dürr, der mir vor vielen Jahren die Verbundenheit allen Seins radikal vor Augen führte: „Jedes Atom in diesem Universum ist mit jedem anderen Atom verbunden“ sagte er. In unserem Buch schrieb er: „Es ist ein folgenschwerer Denkfehler der Moderne: Zu glauben, dass wir getrennt wären von der Natur und von der Welt, in die wir eingebettet sind.“

 

Wie aber können wir diese Trennung überwinden und Verbundenheit erfahren? Und wo können wir in unserem Alltag konkret damit anfangen?

Solidarisch und mitfühlend mit den Menschen zu sein, die wir lieben, das fällt uns meist ja gar nicht so schwer. In der globalisierten Welt von heute sehen wir uns jedoch vor weit größere Herausforderungen und vor die Frage gestellt: Gelingt es uns, diese Verbundenheit auch mit Fremden im eigenen Land und mit Menschen fernab in anderen Ländern zu erfahren? Denn die meisten Probleme in dieser Welt resultieren ja genau daraus, dass wir unterscheiden zwischen den Menschen, die uns etwas bedeuten, und den vielen anderen, die uns gleichgültig sind und für deren Wohlergehen wir uns nicht verantwortlich fühlen.

 

Alle Wissenschaftler*innen in unserem Buch der Verbundenheit machen eines ganz klar deutlich: Alles, was wir tun und ebenso auch das, was wir nicht tun, hat Auswirkungen auf das Ganze. Denn egal, an welchem Teil des Netzes wir ziehen, immer kommt das ganze Netz in Bewegung, egal, welchen Teil des Netzes wir zerstören, immer hat es destruktive Auswirkungen auf das ganze Netz. Jeder und jede von uns ist somit mitverantwortlich für die Welt.

 

Um mit solch einer Verantwortung umzugehen, brauchen wir eine Ethik der Verbundenheit, die nicht abstrakt ist, sondern die wir in kleinen Schritten in unserem Alltag umsetzen können. Indem wir etwa gezielt auf das blicken, was uns mit anderen Menschen verbindet anstatt auf das, was uns trennt. Indem wir uns das Fremde vertraut machen anstatt es abzulehnen. Eine Ethik der Verbundenheit fragt ganz konkret danach, wie wir mit dem Leid umgehen wollen, dem wir täglich auf den Straßen und in den Medien begegnen. Wenden wir uns ab und sagen: Was hat das mit mir zu tun? Oder öffnen wir unser Herz und wenden uns dem Menschen in Not zu?

 

Konkret gefragt: Wie gehen wir um mit dem Penner, dem wir heute am Straßenrand sitzen sehen? Vielleicht hilft es uns, wenn wir uns dann an den Grundsatz der praktischen Ethik erinnern, der allen Kulturen zugrunde liegt: „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“

 

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