Es lebe der Widerstand! Gedanken zum 20. Juli

„Widerstand ist zwecklos!“ Das ist die Botschaft, die ich als junger Mensch von meinen Eltern und der Kriegsgeneration mit auf den Weg bekommen habe. Eine Botschaft, gegen die ich wie viele andere meiner Generation rebellierte.

„Wieso habt ihr denn nichts dagegen getan? Weshalb habt ihr mitgemacht?“, fragten wir immer wieder. Zufriedenstellende Antworten darauf erhielten wir nicht. „Es haben doch alle mitgemacht“, bekamen wir nur zu hören. Und so erlebten wir eine Generation, die sich bequem eingerichtet hatte in diesem schulterzuckenden Wir-konnten-doch-nichts-tun-Mythos. Viele erbitterte Familienfehden endeten in enttäuschter Sprachlosigkeit.   

 

Auch heute noch lebt der Mythos munter weiter, dass man ja nichts hätte tun können gegen das Unrecht. Die Shoah-Überlebende Esther Bejarano sagte in einem Gespräch zu unserem Film Mut zum Leben - Die Botschaft der Überlebenden von Auschwitz: „Ich sage den jungen Menschen in meinen Vorträgen immer, dass es einen Deutschen Widerstand gegeben hat. Denn die wissen das nicht. Und die sagen dann: Wir dachten, alle hätten mitgemacht.“

 

Trotz der zahlreichen Forschungsberichte, Bücher und Dokumentationen, die in den letzten Jahren über die vielen Menschen erschienen sind, die eben nicht mitgemacht haben, lebt der Mythos selbst in den nächsten Generationen fort. Dabei brauchen Sie doch heute nichts dringlicher als mutige Vorbilder, die ihnen den Weg zu Humanität und Menschlichkeit weisen.   

 

Für den Historiker und Auschwitz-Überlebenden Arno Lustiger, der mit seinem Buch Rettungswiderstand viele Männer und Frauen aus dem Widerstand vor dem Vergessen entriss, sind sie das „kostbarste moralische Kapital ihrer Gesellschaft, weil sie die Ehre ihrer Mitbürger und der Menschheit während der barbarischsten Zeit bewahrt haben.“ Es waren Arbeiter und Adelige, Sozialdemokraten, Kommunisten ebenso wie Christen und Atheisten. Sie haben hingeblickt, wo andere wegsahen, sie nahmen das himmelschreiende Unrecht nicht hin, sondern standen ein für Humanität und Menschlichkeit. Ihre mutigen Aktionen zeigen, dass es weit mehr Handlungsspielräume für zivilcouragiertes Handeln gab als die Kriegsgeneration uns glauben machen wollte. Mit ihrem Handeln hielten die Mutigen den Mitläufern nach dem Krieg einen Spiegel vor, in den diese nicht blicken wollten.

 

Die Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand ebenso wie die Gedenkstätte Stille Helden bewahrt das Andenken vieler Menschen aus dem Widerstand, die mir mit ihrem Vorbild immer wieder Mut zur Zivilcourage machen.  

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Otto Wieghardt (Samstag, 21 Juli 2018 22:34)

    Das ist sicher richtig und darf nicht vergessen werden, denn das sind wir nicht nur den Opfern und den mutigen Menschen, die Widerstand leisteten, schuldig, sondern ebenfalls gegenüber der nachfolgenden Generation. Aber wir dürfen auch das derzeit himmelschreiende Unrecht nicht schweigend hinnehmen, sondern müssen JETZT für Humanität und Menschlichkeit etwas tun und protestieren wenn man Menschen im Mittelmeer ertrinken läßt und nichts dagegen unternimmt! Wo bleibt die Unantastbarkeit der Würde des Menschen wenn Retter als Täter abgestempelt werden?

  • #2

    Christa Spannbauer (Sonntag, 22 Juli 2018 14:11)

    Ich stimme dir in allen Punkten zu, Otto. Jeder einzelne von uns ist dazu aufgerufen, etwas zu tun. Und doch ist das Gefühl der Ohnmacht groß. Ich fühle mich Bert Brecht und seinem Gedicht an die Nachgeborenen sehr nahe: "Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!"