Hommage an einen Unerschrockenen. Zum Tod von Claude Lanzmann

Claude Lanzmann ist tot. Mit ihm starb nicht nur ein großer Filmemacher, sondern auch einer meiner ganz großen Helden. Ein aufrechter Mann. Ein Wahrheitssuchender. Einer, der sich mutig in das Zentrum des Grauens begab.

 

Zur Zeit des Nationalsozialismus kämpfte der 18-jährige Sohn osteuropäischer Juden in der französischen Résistance und organisierte den Widerstand am Pariser Lycée Condorcet gegen die deutschen Besatzer. Ganz unmittelbar erlebte er die Schrecken des Nationalsozialismus am eigenen Leib.

 

In den 1980er Jahren machte er sich auf den Weg, um das Unbegreifliche begreifbar, das Unvorstellbare vorstellbar zu machen. Mit der Shoah drehte er die radikalste und erschütterndste Dokumentation über die Vernichtung der europäischen Juden. Zwölf intensive Jahre arbeitete er an diesem Meisterwerk gegen das Vergessen. Er interviewte die Überlebenden. Er befragte die Zeugen der Vernichtung. Und er interviewte die Täter.

 

„Ein langsamer, unendlich schmerzvoller Prozess der Vergegenwärtigung, der das Sehen bis heute zu einer oft unerträglichen Erfahrung macht”, so beschrieb es die Neue Zürcher Zeitung treffend. Bis heute ist die Shoah ein Monolith der Filmgeschichte.  

9 1/2 Stunden Einblicke in die Abgründe des Menschseins. Ein Film, der aber auch Zeugnis ablegt von unzerstörbarer Menschlichkeit.

 

Für mich ist die Shoah eine der großen Heldentaten der Filmgeschichte. Bevor ich gemeinsam mit meinem Kollegen Thomas Gonschior zu den Filmarbeiten für unsere Dokumentation „Mut zum Leben – die Botschaft der Überlebenden von Auschwitz“ aufbrach, sah ich mir eine Woche lang jeden Abend 90 Minuten der Shoah an. Der Film überwältigte mich. Viele Szenen und Gespräche brannten sich meinem Gedächtnis ein. Qualvoll das Grauen in den Gesichtern der Opfer zu sehen, unerträglich die Genugtuung in den Gesichtern der Täter. Und immer wieder die Fragen von Claude Lanzmann: schonungslos, erbarmungslos und doch voller Mitmenschlichkeit.

 

Als Filmemacherin verdanke ich Claude Lanzmann viel. Ohne seine bahnbrechende Arbeit wären viele spätere Dokumentationen über die Shoah überhaupt nicht möglich gewesen. Auch unser Film Mut zum Leben steht in der Nachfolge des französischen Filmemachers. Unsere DVD ist im gleichen engagierten Verlag erschienen, der auch die Gesamtausgabe des Werkes von Claude Lanzmann herausgibt. Claude Lanzmann war und ist Pate, Inspiration und unerreichbares Vorbild. Wir alle verdanken dem großen Unerschrockenen viel. Mögest du in Frieden ruhen, Claude!

 

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