Meine stille Heldin von Gegenüber

Wenn ich nach mutigen Vorbildern Ausschau halte, brauche ich nur von meinem Schreibtisch auf das Haus gegenüber zu blicken. Dort lebte Maria Perlitz. Der Name wird euch vermut-lich nichts sagen. Denn Maria gehört zu den „Unbesungenen Heldinnen“. Zu den Menschen also, die während der Nazidiktatur ihren verfolgten Mitmenschen heimlich beim Überleben halfen. Als Hauswartin versteckte sie zwei jüdische Familien vor der Verfolgung. Wahrhaft eine Heldentat! Woher sie damals den Mut nahm, wissen wir nicht. Doch wir können uns ihr couragiertes Handeln heute zum Vorbild nehmen.

 

Denn die moderne Psychologie bestätigt uns, was bereits die antiken Philosophen lehrten: Wir können Mut einüben und trainieren. „Indem wir uns gewöhnen, Gefahren zu verachten und zu bestehen, werden wir mutig, und sind wir es geworden, werden wir am leichtesten Gefahren bestehen können“, schrieb Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik. Unser Alltag bietet hierfür jede Menge Möglichkeiten, um mit kleinen Mutproben unseren „Mutmuskel“ zu trainieren. Werden wir doch alle in unserem ganz normalen Leben immer wieder mit Situationen konfrontiert, die couragiertes Handeln einfordern. Mischen wir uns ein, wenn eine Frau belästigt, ein Kollege gemobbt, ein Kind geschlagen, ein Hund getreten wird?

 

Zweifellos handelt es sich beim Mut um eine herausfordernde Tugend, denn immer wieder stellt er uns vor schwierige Prüfungen. Er will, dass wir aus der Reihe tanzen, wenn alle anderen im Gleichschritt marschieren, er fordert den aufrechten Gang, wenn andere sich wegducken, er besteht darauf, das Unrecht beim Namen zu nennen, vor dem andere die Augen verschließen.

 

Zugleich gibt er aber denen, die sich für ihn entscheiden, auch jede Menge zurück. Denn die Erfahrung, tatkräftig etwas zu bewirken, ist vitalisierend und lebensbejahend. Sie stärkt die Selbstwirksamkeit und damit das Selbstvertrauen. Deshalb wohl war Aristoteles davon überzeugt, dass nur der mutige Mensch wahrhaft glücklich werden kann.

 

Doch woher nehmen wir den Mut zum Mut? Und woraus erwächst uns die Kraft, die damit verbundenen Risiken für Leib und Seele einzugehen? Der amerikanische Sozialpsychologe Philip Zimbardo gründete hierfür sein „Heldenprojekt“, um junge Menschen in Zivilcourage auszubilden und deren Tapferkeit des Herzens zu stärken. Denn um im Ernstfall mutig reagieren zu können, hilft es, sich darauf vorzubereiten, indem wir etwa die Einmischung in kleinen Schritten üben und den Dreierschritt der Zivilcourage im Alltag praktizieren: Nicht wegschauen. Hingucken. Handeln. Wir brauchen Menschen, die uns genau dazu ermutigen. Maria Perlitz, die Hauswartin von Gegenüber, ist für mich solch ein ermutigendes Vorbild. 

In meinem Buch 31 Wege, um das Glück zu finden habe ich ihr und anderen mutigen Menschen ein Kapitel gewidmet.

 

 

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