Der Tod nährt das Leben. Eine ganz andere Sicht auf Tod & Leben

Wir wissen nicht, woher wir kommen und wohin wir gehen. Wir sind wie Waisenkinder. Abgeschnitten von unseren Wurzeln klammern wir uns ans Leben und fürchten den Tod. Das ist die Grundthese des kanadischen Sterbe- und Trauerbegleiters Stephen Jenkinson, dem ich vor kurzem in Berlin begegnete.    

„Es ist das Ende des Lebens, das dem Leben einen Sinn gibt“. Davon ist Stephen Jenkinson überzeugt. Vor einigen Tagen hatte ich die Gelegenheit, ihn in Berlin bei einem Filmgespräch zu seinem Film „Griefwalker“ zu treffen. Ein Film, den ich allen, die sich mit dem Sinn des Lebens und des Todes auseinandersetzen möchten, ans Herz lege. Es ist ein aufwühlender, ein aufrüttelnder Film. Er zeigt den Sterbe- und Trauerbegleiter bei Begegnungen mit Sterbenden und deren Angehörigen. Über die Jahre begleitete er viele Menschen auf ihrem letzten Weg. Und wurde Zeuge einer verzweifelten Angst vor dem Tod.

 

Die meisten Menschen täuschen sich, so Jenkinson, wenn sie behaupten, sie fürchteten nicht den Tod, sondern den Sterbeprozess. Die neue Palliativmedizin ermögliche mittlerweile ja ein schmerzloses Sterben, was aber die Furcht, die er in den Augen der Sterbenden sah, nicht lindern konnte. Denn was wir in der westlichen Welt mehr als alles andere fürchten, ist der Tod selbst, die Auslöschung all dessen, was wir sind und die Loslösung von allem, was wir lieben. Nichts von dem, was wir sind und was wir lieben, können wir behalten. Das ist der Schrecken des Todes.

 

"Was sterben muss, ist unser Widerstand zu sterben, unsere Weigerung, zu enden", so die Schlussfolgerung des studierten Harvard-Theologen. Es gilt, auf einer tieferen Ebene wahrzunehmen, dass das Leben selbst weitergeht. Mehr noch: Zu erfahren, dass der Tod die Wiege des Lebens ist. Dass es der Tod ist, der das Leben nährt. Das aber ist eine schamanische Erfahrung, die unserem Kulturkreis schwer vermittelbar ist. Stephen Jenkinson selbst fand diese Weisheit bei den indigenen Völkern. Gemeinsam mit seiner Frau zog er vor Jahren in die Wälder Kanadas, wo sie sich mit eigenen Händen eine Farm aufbauten. Hier leben sie enger Verbundenheit mit dem Rhythmus der Natur. Hier erleben sie das ewige Entstehen und Vergehen als das Gewebe alles Lebendigen.  

 

Wie oft müssen wir den Tod anderer miterleben, um schließlich zu akzeptieren, dass auch wir sterben werden? Wie lange ist es uns möglich, den Tod zu verdrängen und ihn von uns fernzuhalten? Selbst bei Sterbenden fand Jenkinson diese Verneinung des Todes bis zuletzt. Den Grund hierfür verortet er in der Todesphobie unserer Kultur, einer geradezu toxischen Furcht vor dem Tod. Denn ganz tief drin glauben wir bis heute, dass der Tod eine Bestrafung sei, die ultimative Vertreibung aus dem Paradies. Es ist wie eine offene Wunde in der Seele. „Doch wie kannst du im Leben beheimatet sein, wenn du nicht mit dem Tod befreundet bist?“, fragt Stephen an dieser Stelle.

 

Die Fragen, die sich jedem und jeder von uns stellen, lautet: Wie menschlich kann ich im Angesicht des Todes bleiben? Gelingt es mir, einen Sinn am Ende des Lebens finden? Vermag ich es, dem Tod selbst einen Sinn zu verleihen?

 

Es ist der Tod, der uns Menschen alle miteinander verbindet. Und das größte Geschenk, das wir den Weiterlebenden machen können ist es, einen guten Tod zu sterben. Denn der eigene Tod reicht weit in das Leben der anderen hinein. Wie ein Kieselstein, der in den Teich geworfen wird, wirft er noch lange Wellen.

 

Indem wir uns der Verzweiflung und der Trauer stellen, indem wir den Schrecken des Todes aushalten, definieren wir neu, was es heißt, gut zu leben. Dann erfahren wir, wovon Stephen Jenkinson zutiefst überzeugt ist: „Es ist das Ende des Lebens, das dem Leben einen Sinn verleiht. Es ist der Tod, der das Leben nährt.“

 

Hier können Sie meinen Artikel lesen: Weil es Kraft braucht, Menschen beim Sterben beizustehen.