Der Mut zum Leben. Eine Hommage zum 92. Geburtstag der Shoah-Überlebenden Èva Pusztai-Fahidi

Mit 90 Jahren tat sie das Unvorstellbare: Sie begann öffentlich ihr Leben zu tanzen. Und damit auch ihre Zeit in Auschwitz. Heute wird sie 92 Jahre alt: meine hochverehrte ungarische Freundin Éva Pusztai-Fahidi.

Im November, anlässlich der Erinnerung an die Reichspogromnacht, wird sie im Volkstheater in Wien tanzen, erzählte sie mir soeben freudig am Telefon.

Erstmals traf ich Èva 2011 bei einer Lesung aus ihrem Buch „Die Seele der Dinge“ in Berlin. Und schon kurz darauf saß ich ihr mit unserem Kamerateam in ihrer Budapester Wohnung gegenüber. Denn sie hatte zugestimmt, in unserem Film „Mut zum Leben – Die Botschaft der Überlebenden von Auschwitz“ mitzuwirken, in dem wir auch die Shoah-Überlebenden Esther Bejarano, Jehuda Bacon und Greta Klingsberg porträtierten,

Auf die Frage, was sie denn darin unterstützt habe, diese Schreckenszeit im Vernichtungslager zu überstehen, sagte sie: „Ich durfte auch hier erfahren, dass es immer Menschen gibt, die einem in der größten Not beistehen“. Und dann begann sie zu erzählen: Von den vielen Gesten der Solidarität zwischen den Frauen in ihrer Baracke, von dem Trost, den sie sich gegenseitig spendeten, der Hoffnung, die sie nie aufgaben und der Bereitschaft, selbst den letzten Bissen Brot miteinander zu teilen. Gebannt lauschte ich ihren Erzählungen von Frauen, die sich mit aller Entschlossenheit gegen die Entmenschlichung und Entwürdigung zur Wehr setzten: „Je größer der äußere Druck, desto stärker der innere Widerstand. Wir blieben trotz allem Menschen, trugen das Haupt aufrecht, hielten das Essbesteck wie zu Hause, wuschen uns täglich und putzten uns die Zähne.“ Frauen, die bis zum Äußersten füreinander eintraten: „Wir, das heißt unsere Fünferreihe, standen uns so nahe und unterstützten einander in so einem Maße, als wären wir eine Person“.

Als einzige ihrer ungarischen Großfamilie hatte Èva Pusztai-Fahidi den ungarischen Holocaust überlebt. Seit 20 Jahren tritt sie als Zeitzeugin und Holocaust-Aktivistin gegen das Vergessen an. Denn nie wieder soll ein Mensch das erleben müssen, was ihr widerfahren ist. Dafür tritt sie bis heute mit ihrem Leben ein. Wer ihr begegnet, trifft auf ungebrochenen Lebenswillen, unzerstörte Hoffnung, tiefe Mitmenschlichkeit. In ihrer Person sind Freude, Trauer, Humor und Schmerz auf das Innigste miteinander verwoben. „Wenn man alles und alle verloren hat, bleibt einem das Leben“, sagte sie. „Und wenn man schon ein Leben hat, dann soll man es auch leben! In uns, die wir aus Auschwitz zurückgekommen sind, ist diese Lebenskraft sehr tief. Wir wissen, wie kostbar das Leben ist.“

Nein, die Zeit heilt keine Wunden. Sie kann nur lehren, mit diesen Wunden zu leben. Der Schmerz bleibt. Die Toten auch. Sie altern nicht. Noch heute träumt Èva, dass ihre kleine Schwester Gilike plötzlich vor der Tür steht und sagt: „Wir haben uns aber lange nicht gesehen. Wollen wir ein Rad schlagen?“


Auf dem Foto ist Éva Pusztai-Fahidi mit dem gleichnamigen Buch zum Film "Mut zum Leben" zu sehen.  

 

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