Wie eine Karotte die Menschlichkeit rettete

Nie hat mich die Geschichte dieser kleinen runzeligen Karotte losgelassen. Erzählt hat sie mir eine alte Dame aus Israel vor laufender Kamera. „Was gibt einem die Kraft, solch schreckliche Erfahrungen als Mensch zu überstehen?“, hatte ich Batsheva Dagan damals gefragt. Woraufhin die Shoah-Überlebende umgehend zu erzählen begann. Von der Solidarität unter den Frauen ihrer Baracke, die nur umso stärker wurde, je verzweifelter ihre Situation wurde. Von dem Trost, den sie sich gegenseitig spendeten. Von der Bereitschaft, bis zum letzten füreinander einzustehen. Gebannt lauschte ich den Erzählungen von Frauen, die sich mit aller Entschlossenheit gegen die Entmenschlichung und Entwürdigung zur Wehr setzten.

 

 

Eines Tages, so erzählte sie, fand sie eine Karotte auf dem Weg von der Lagerküche zur Baracke. Blitzschnell bückte sie sich, um diese aufzuheben. Doch anstatt sie nun hungrig hinunterzuschlingen, umschloss sie diese heimlich mit der Faust und brachte sie zurück in ihre Baracke. Wo das Kleinod mit größter Sorgfalt in acht Teile geteilt wurde. Eine verschrumpelte Karotte für acht hungernde Frauen! Wie groß, wie fast übermächtig muss die Versuchung für die junge Batsheva gewesen sein, diesen kostbaren Fund an Ort und Stelle alleine zu vertilgen. Doch dem Überlebensimpuls stand offensichtlich ein noch stärkerer Lebenswille entgegen: das Gemeinschaftsgefühl. Denn gegenseitige Unterstützung und Kooperation gelten von jeher als die wirksamsten Überlebenselixiere in Zeiten der Not. 

 

 

Diese und viele andere Erzählungen, die mir von Überlebenden der Shoah anvertraut wurden, machen mir seit vielen Jahren Mut. Doch auch die Frage hat mich seither nicht mehr losgelassen: Hätte ich die Kraft gehabt, die Karotte zu teilen?

 

Aus dem Buch Teile und werde mehr von Christa Spannbauer

 

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