"Berlin ist eine Frau!" Ein fulminanter Chanson-Abend mit Annika von Trier im Salon Flotow

Annika von Trier – eine Künstlerin wie Berlin: keck, forsch, politisch und schnoddrig. Und zugleich sanft und voller Poesie. «AnniKa von Trier ist das singende Berlin-Gedicht» schrieb die Berliner Morgenpost treffend über die vielseitige und kreative Musikerin. Ihr Markenzeichen: das lindgrüne Akkordeon, das sie einst, wie sie an dem Abend erzählte, aus dem Sperrmüll rettete. Ihre Chansons sind anarchisch, witzig, grotesk und voller geballter Lebensfreude. 

 

Am vergangenen Freitag begeisterte sie mit ihrem aktuellen Programm „Gerade jetzt“ die Zuhörer in unserem Salon Flotow im Hansaviertel. „Sie ist eigen, sie ist wild, sie hat nirgendwo ein Ebenbild. Sie ist herb und sie ist zart, Berlin ist gelebte Gegenwart“. Was die Künstlerin in ihrer Liebeserklärung an Berlin singt, trifft im besonderen Maße auch auf sie selbst zu.

 
Mit der Einladung der Chansonsängerin Annika von Trier knüpften Monika Borth und ich ganz bewusst auch an die kulturelle Tradition unseres alt-ehrwürdigen Mietshauses im Hansaviertel an. Hier lebten bis 1933 viele deutsch-jüdische Künstler. Unter ihnen der Direktor des Admiralspalast, Leo Bartuschek, der sein Berliner Zimmer für Konzerte und Lesungen öffnete. Das Haus wurde zum Treffpunkt von bekannten Schriftstellern und Sängern, deren künstlerisches Schaffen bis heute eng mit Berlin verbunden ist. Hier schmetterte die einzigartige Claire Waldoff in den 1920er Jahren ihre frechen Berliner Chansons. Hier las der scharfsinnige Satiriker Kurt Tucholsky seine antifaschistischen Texte. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten erstarb das kulturelle Leben im Haus. Seine jüdischen Bewohner retteten sich ins Exil.

Mit unserem ersten Salonabend im Juni hatten wir mit dem Klezmer-Duo Hannes Daerr und Jule Seggelke und der Zeitzeugin Rahel Mann an die Geschichte des Hauses und seiner Bewohner erinnert. Und als der vergangene Salonabend schon fast ausgeklungen schien und die meisten Besucher beschwingt nach Hause gegangen waren, sang zu unserer großen Freude Annika gemeinsam mit der irischen Songwriterin Fionnuala Devlin, die an diesem Abend zu Gast war, bis tief in die Nacht hinein jiddische Lieder und Brecht-Songs. Die ehemaligen Bewohner und Salonbesucher des Hauses hätten sicherlich auch daran ihre wahre Freude gehabt.


Unser nächster Salonabend Ende November wird literarischer Natur sein. Die Berliner Autorin Tanja Dückers tritt mit ihrer Lesung aus ihrem Buch „Mein altes Westberlin“ eine Zeitreise ins Milljöh der Mauerstadt an. Und um mit den Worten von Annika von Trier zu enden: „Tja Leute jetzt wisst Ihrs genau, Berlin ist und bleibt eine Frau!“

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