Flotow 11 - der kulturelle Salon im Hansaviertel. Mit der Eröffnung unseres Salons knüpften wir an bewegte und bewegende Zeiten Berlins an.

Für mich ist es eine glückliche Fügung, im Hansaviertel zu wohnen. Vor zwei Monaten bin ich in das große alte Haus in der Flotowstraße gezogen. Und lernte schon kurz darauf meine Mitbewohnerin aus dem 4. Stock, Monika Borth, kennen. Vom ersten Augenblick an mochten wir uns und entdeckten viele Gemeinsamkeiten. Als sie mir von der bewegten Geschichte des Hauses erzählte und davon, dass bereits in den 1920er Jahren ein kultureller Salon in der Wohnung des damaligen Direktors des Admiralspalasts, Leo Bartuschek, existierte, beschlossen wir beide umgehend: Wir werden an die Tradition des kulturellen Salons anknüpfen.


Mit der Eröffnung des Salons, die vor zwei Tagen in unserem bis zum letzten Platz gefüllten Salon stattfand, erinnerten wir an die Menschen, die in den freigeistigen 1920er Jahren Berlins hier lebten und an die berühmten Künstler und Künstlerinnen, die in diesem Haus ein- und ausgingen, unter ihnen Kurt Tucholsky, Cläre Waldoff und Käthe Kollwitz. Und wir erinnerten an die jüdischen Bewohner, die in den darauffolgenden dunklen Jahren des Nationalsozialismus das Haus verlassen mussten, um sich ins Exil zu retten. Musikalisch knüpften wir an die jüdischen Wurzeln des Hauses mit dem großartigen Klezmerduo Hannes Daerr an der Klarinette und Jule Seggelke am Akkordeon an.


In einer  Lesung aus ihrem vor kürzlich fertiggestellten Manuskript „Die Stimme meiner Schwester“ zeigte Monika Borth eindrücklich auf, wie die Kindheit im Krieg und in der Nachkriegszeit bis heute Auswirkungen auf unser Leben hat.

 

Der zweite Teil des Abends stand ganz im Zeichen von Widerstand und Überleben. Als unseren Ehrengast konnten wir die Zeitzeugin Rahel Mann begrüßen, die als Kind in einem Keller in Berlin versteckt den Holocaust überlebte. Die Lebensfreude und der Lebensmut der 80-jährigen machten einen tiefen Eindruck auf die Zuhörer.

 

Mit ihrer Geschichte erinnert sie auch daran, dass in Berlin etwa 6000 Juden untertauchten, um der Verfolgung durch die Nazis zu entkommen. Für jeden Untergetauchten brauchte es im Durchschnitt sieben nichtjüdische Helfer, um deren Überleben durch Wohnung, Fälschung von Pässen und Lebensmittelkarten, etc. zu sichern. Wir können heute also von geschätzten 30.000 sogenannter „Stiller Helden“ in Berlin ausgehen. Mit ihrem Einsatz für ihre verfolgten Mitbürger zeigten sie auf, dass man sehr wohl etwas tun konnte gegen das Unrecht und dass die Handlungsspielräume weit größer waren als unsere Eltern und Großeltern uns immer glauben machen wollten. Über die Rettungsgeschichte von Rahel Mann habe ich den Artikel „Ich habe die Nazis überlebt“ auf dem Online-Portal „Ethik heute“ verfasst. Und über eine „Stille Heldin“ in der Flotowstraße, die mutige Hauswartsfrau Maria Perlitz, werde ich euch in meinem nächsten Blog berichten.
 
  

Kommentar schreiben

Kommentare: 0