"Entspanne dich. Laß das Steuer los. Trudele durch die Welt. Sie ist so schön: gib dich ihr hin, und sie wird sich dir geben." Kurt Tucholsky

Seit Tagen flaniere ich in Gedanken an Kurt Tucholsky durchs Berliner Hansaviertel. Nicht weit von meinem neuen Domizil entfernt wurde er geboren. Und an so manchen Abenden stieg er die Stufen zum Salon im ersten Stock empor, vorbei an der Wohnungstür, hinter der ich heute wohne und arbeite. Und wo seine gesammelten Werke in meinem Bücherregal stehen. Schon in jungen Jahren hatte der aufrechte Literat mein Herz mit seinem Mut und seinem Charme erobert.

 

Wenn ich abends vor die Wohnungstür trete, kann ich ihn fast vor mir sehen, wie er die Stufen unserer Eingangshalle pfeifend emporspringt und dabei seinen Spazierstock schwingt. Wie er im Salon des Gastgebers Leo Bartuschek von seinen Künstlerkollegen freudig empfangen wird. Und wie er mit seinen politischen Satiren unterhaltsam brilliert. Ganz sicher flirtete er mit den Frauen. Ganz sicher sprach er ausgiebig dem Wein und gutem Essen zu. Denn ja, Kurt Tucholsky liebte das Leben. Und er liebte die Frauen. Und die Frauen liebten ihn, den dicken Mann.


Er war ein überzeugter Humanist und geradezu beseelt von der Hoffnung auf eine bessere Welt. Und musste doch mitansehen, wie die Welt um ihn herum in Scherben fiel. Schon frühzeitig erkannte er, was sich in Deutschland zusammenbraute. Bewaffnet mit seiner Schreibmaschine versuchte er, die Menschen wachzurütteln und die nahende Katastrophe aufzuhalten. Als er die Vergeblichkeit seines Tuns erkannte, verließ er Berlin und emigrierte nach Schweden. Doch wie sollte er, der Mann mit dem goldenen Herzen und der eisernen Schnauze nicht verzweifeln an den politischen Geschehnissen in seinem Heimatland? Zwei Jahre nach Machtergreifung der Nationalsozialisten nahm er sich das Leben.


„Nichts ist schwerer und erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein!“ (Kurt Tucholsky)



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