Die Kraft der Vergebung

Die Bereitschaft, sich beherzt einen Weg durch das Leid zu bahnen und sich mit dem eigenen Schicksal auszusöhnen, gilt in der Psychologie als eines der auffälligsten Merkmale seelisch widerstandsfähiger Menschen. Selbst schwere Verletzungen können ihr grundlegendes Vertrauen in das Leben nicht zerstören. Die erstaunliche Fähigkeit von Menschen, schmerzvolle Lebenserfahrungen nicht nur zu meistern, sondern gegen alle Wahrscheinlichkeit auch noch menschlich daran zu wachsen und zu reifen, ist in der Resilienzforschung als posttraumatisches Wachstum bekannt. Meine Begegnungen mit dem Shoah-Überlebenden Jehuda Bacon bestätigen dies. In einem Interview für unseren Film MUT ZUM LEBEN sagte er: „Das Leid hat mich als Mensch vertieft.“


Als Kind hat er Theresienstadt und Auschwitz überlebt. Wer dem israelischen Maler heute begegnet, ist von seiner Güte und Weisheit beeindruckt. Keine Bitterkeit ist in seinen Worten zu finden. „Wenn ich hasse, hat Hitler gewonnen, dann hat er mich auch infiziert“, sagt er. Sein lebenslanges Anliegen ist es, das erfahrene Leid nicht zu verdrängen, sondern künstlerisch und menschlich zu verarbeiten und für etwas Positives zu transformieren. Denn: „Wer in der Hölle war, weiß, dass es zum Guten keine Alternative gibt.“ Als einer der ersten Überlebenden der Shoah suchte er das Gespräch mit Deutschen und stellte sich bereits in den 1950er Jahren als Dialogpartner der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste zur Verfügung. „Zu mir kamen viele jüngere Menschen, um mich zu fragen, ob ich ihnen verzeihen könne. Selbstverständlich dachte ich dabei auch immer an all die Menschen, die umgekommen sind, besonders an meine Eltern und meine Schwester. Was würden sie dazu sagen? Doch letztlich konnte nur ich selbst eine Antwort geben. Ich sagte mir, dass ich damit vielleicht etwas beitragen kann für ein besseres Verständnis der Menschen untereinander.“ 


In seinen weltweit ausgestellten Gemälden bringt er diese auf Versöhnung  ausgerichtete Haltung nach außen, die auf einer Verwandlung des Leides im Innen gründet. „Die Erfahrungen in den Konzentrationslagern sind Teil meines Lebens und mein Ziel war es, auch diese Erfahrungen in etwas Positives umzuwandeln. Ich versuchte, daran zu reifen, menschlich und auch in meinem künstlerischen Schaffen. Es ging mir darum, dem ganzen Leben – in meinem Fall war das auch Auschwitz – einen Sinn zu geben.“


Menschen wie Jehuda Bacon zeigen uns, dass wir die Vergangenheit zwar nicht mehr verändern können, doch unsere Einstellung ihr gegenüber. Und sie weisen darauf hin, dass wir uns sogar dafür entscheiden können, erlittenem Unrecht einen Sinn zu verleihen. Auf die meisten Dinge, die uns im Leben zustoßen, haben wir tatsächlich keinen Einfluss. Worauf wir jedoch einen Einfluss haben, ist unsere Reaktion darauf. Oft quälen wir uns viel zu lange mit der Frage: „Warum nur ist mir dies geschehen?“. Wenn wir uns hingegen der Frage öffnen: „Was kann ich aus dem Erlittenen für mein weiteres Leben und das der anderen lernen?“, eröffnen sich uns ganz neue Sichtweisen und Handlungsmöglichkeiten. Daraus erwächst uns die Kraft,  erlittene Verletzungen als Entwicklungs- und Transformationspotenzial zu begreifen und dem erfahrenen Leid einen Sinn abzuringen.

 

Es sind Menschen wie Jehuda Bacon, die mich zu meinem Buch VERGEBUNG BEFREIT inspiriert haben, in dem es um die heilende Kraft der Vergebung geht.

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